Unsere Wurzeln

Unsere Wurzeln

 

1) Dezen­tra­li­sie­rung und Regio­na­li­sie­rung

Der ers­te Impuls zur Ent­wick­lung der Char­ta ging von der Über­zeu­gung aus, daß die dua­lis­ti­schen Ideo­lo­gi­en von Pri­va­ti­sie­rung im kapi­ta­lis­ti­schen Sin­ne und Ver­staat­li­chung wie im „rea­len Sozia­lis­mus“ sowje­ti­scher Prä­gung glei­cher­ma­ßen obso­let gewor­den sind und die wirk­li­chen Pro­ble­me nicht lösen. Da ein simp­les „weder- noch“ kaum ziel­füh­rend erschien, stie­ßen wir bei der Suche nach einer zeit­ge­mä­ßen Per­spek­ti­ve auf Leo­pold Kohr. Sein Buch „Das Ende der Gro­ßen“ bestimm­te in hohem Maß den ers­ten und grund­le­gen­den Impuls zur Char­ta: Dezen­tra­li­sie­rung und Regio­na­li­sie­rung.

Er geht davon aus, dass jedes sozia­le Sys­tem (poli­ti­scher Art wie ein Staat, aber auch wirt­schaft­li­cher Art wie ein Kon­zern oder ande­re Sys­te­me) ab einer gewis­sen Grö­ße und unab­hän­gig von Ideo­lo­gie oder guten Wil­len sei­ner füh­ren­den Eli­ten zu einem Herr­schafts­ge­bil­de mutiert und die Frei­heit der Ein­zel­nen wie auch sei­ner „Unter­glie­de­run­gen“ in Fol­ge sei­ner imma­nen­ten „Selbst­ab­si­che­rung“ zuneh­mend unter­gräbt.

Auch ein gesell­schaft­li­cher Orga­nis­mus wächst opti­mal durch Zell­tei­lung, kri­tisch mit gefähr­li­chem Über­ge­wicht, töd­lich mit unkon­trol­lier­ter Zell­wu­che­rung“ (L.K.=Leopold Kohr)

Die  Gesell­schaft mit einem „Orga­nis­mus“ zu ver­glei­chen, schien uns bes­ser geeig­net, eine leben­di­ge Rea­li­tät zu beschrei­ben, als mit dem Begriff „Sys­tem“. Die Pro­ble­ma­tik, die aus zu gro­ßen (z.B. Natio­nal­staat) oder zu klei­nen (z.B. Sin­gle­haus­halt) Ein­hei­ten resul­tiert, wird so noch anschau­li­cher.

Die Pro­ble­me einer Gesell­schaft, die sich über ihre opti­ma­le Grö­ße hin­aus ent­wi­ckelt, wach­sen also mit der Zeit rascher, als die mensch­li­che Fähig­keit, mit ihnen fer­tig zu wer­den.“ L.K.

Dies bedeu­tet, daß wir, wenn ein­mal der kri­ti­sche Punkt erreicht ist, zu bru­ta­len Men­schen wer­den, sogar fast gegen unse­re Natur.“ L.K.

D.h. Die anthro­po­lo­gi­sche Ebe­ne und unse­re bewuß­ten oder unbe­wuß­ten Men­schen­bil­der kön­nen von da an bei unse­ren poli­ti­schen Kon­zep­ten nicht mehr unbe­ach­tet blei­ben.

Dies geschieht nicht, weil grö­ße­re Städ­te pro­por­tio­nal mehr schlech­te Men­schen beher­ber­gen als klei­ne­re, son­dern weil ab einem gewis­sen Punkt die sozia­le Grö­ße selbst zum haupt­säch­li­chen Kri­mi­nel­len wird.“ L.K.

Die Ant­wort besteht daher nicht in einer Ver­grö­ße­rung der Poli­zei­macht, son­dern in der Ver­rin­ge­rung sozia­ler Grö­ße.“ L.K.

Wenn also nicht nur eine ent­spre­chen­de Ideo­lo­gie (wie z.B. der Faschis­mus) son­dern bereits schie­re Grö­ße Unter­drü­ckungs- und damit Herr­schafts­struk­tu­ren her­vor­bringt, dann rückt die Regi­on noch ein­mal viel ent­schie­de­ner in die Auf­merk­sam­keit bei der Ent­wick­lung herr­schafts­frei­er Gesell­schafts­vor­stel­lun­gen als dies im über­kom­me­nen Dua­lis­mus von „frei­er, und pri­va­ter“ Wirt­schaft und staat­li­cher „Len­kung“ der Fall war.

Was kommt dabei her­aus, wenn wir Begrif­fe wie „gesell­schaft­li­ches Eigen­tum“ und „Volks­sou­ve­rä­ni­tät“ ein­mal nicht auf abs­trak­te und anony­me Grö­ßen wie den Staat bezie­hen, son­dern uns die­sen „Sou­ve­rän“ und sein „Gemein­schafts­ei­gen­tum“ ein­mal viel klei­ner vor­stel­len? Über­schau­ba­re Gemein­schaf­ten; auf rela­ti­ve Aut­ar­kie, Selbst­be­stim­mung, Gemein­wohl und Natur­ver­träg­lich­keit hin ori­en­tier­te, sich weit­ge­hend selbst regie­ren­de Gemein­den; sowie Krei­se und Regio­nen, die nicht als Unter­ver­wal­tungs­ein­hei­ten grö­ße­rer Kör­per­schaf­ten fun­gie­ren son­dern der Koor­di­na­ti­on und poli­ti­schen Wil­lens­ar­ti­ku­la­ti­on ihrer Gemein­den. Sol­chen, sich basis­de­mo­kra­tisch von unter her auf­bau­en­den Regio­nen will die Char­ta künf­tig jene „staat­li­che“ Sou­ve­rä­ni­tät zuspre­chen, die bis heu­te in der Regel mit dem Natio­nal­staat asso­zi­iert wird.

Demo­kra­tie in ihrer vol­len Bedeu­tung ist in einem gro­ßen Staat unmög­lich, der, wie schon Aris­to­te­les bemerk­te, fast unfä­hig ist, kon­sti­tu­tio­nell regiert zu wer­den.“ L.K.

Wür­de man also die Groß­mäch­te in Klein­be­rei­che auf­tei­len, so wür­de das nicht zu einer Rück­kehr Euro­pas in einen künst­li­chen, son­dern in einen natür­li­chen Zustand füh­ren.“ L.K.

Das mobi­le Prin­zip des Gleich­ge­wichts ver­wan­delt die Anar­chie frei­er Par­ti­kel in Sys­te­me höchs­ter Ord­nung.“ L.K.

Wäh­rend die klas­si­schen Instru­men­te und Vor­schlä­ge der Anar­chis­ten nach wie vor und gegen alle Behaup­tun­gen einer geschichts­ver­ges­se­nen Moder­ne sehr wohl geeig­net sind zu einem basis­de­mo­kra­ti­schen Gesell­schafts­auf­bau von unten bis zur Grö­ße etwa einer auto­no­men Regi­on, lie­fert Leo­pold Kohr die geeig­ne­ten Rah­men­über­le­gun­gen für den föde­ra­len Umgang die­ser Regio­nen unter­ein­an­der. Anders als die bis­he­ri­gen Natio­nal­staa­ten sol­len die­se näm­lich alle eine gewis­se Grö­ße nicht über­schrei­ten. Nicht nur aus Grün­den der eben erwähn­ten inne­ren Demo­kra­tie, son­dern auch, damit kei­ne Regi­on, ihren Nach­bar­re­gio­nen ihren Wil­len auf­zwin­gen kann.

Die Char­ta schlägt daher ein aus­ba­lan­cier­tes Mit­ein­an­der der Regio­nen vor, die sich in unge­fähr ähn­lich gro­ßen Regio­nal- und Ter­ri­to­ri­al­fö­de­ra­tio­nen zusam­men­tun, ohne ihre Sou­ve­rä­ni­tät auf­zu­ge­ben.

Daher spren­gen die Vor­schlä­ge der Char­ta auch den Rah­men der übli­chen und sys­tem­im­ma­nen­ten Über­le­gun­gen zur Ret­tung oder Repa­ra­tur unse­res der­zei­ti­gen reprä­sen­ta­ti­ven Par­la­men­ta­ris­mus, bil­den eher eine „Vor­wärts­ver­tei­di­gung“ (Ute Scheub) oder grund­le­gen­de evo­lu­tio­nä­re Wei­ter­ent­wick­lung von Demo­kra­tie im Sin­ne von Selbst­er­mäch­ti­gung und koope­ra­ti­ver Gemein­schaft.

Und natür­lich set­zen sowohl die Lek­tü­re von L.Kohr als auch der Char­ta ein Mini­mum an geis­ti­gem Enga­ge­ment, Wis­sen­wol­len und Kennt­nis­nah­me kom­ple­xer Zusam­men­hän­ge vor­aus. Doch ohne die­se Bereit­schaft wür­den wir den ver­kürz­ten und ver­sim­pel­ten Phra­sen popu­lis­ti­scher Prä­gung fahr­läs­sig das Feld über­las­sen.

Das kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest von Marx, eine glän­zen­de Abhand­lung, wel­che 1848 von den Arbei­tern der Welt, an die es sich wen­de­te, ver­stan­den wur­de, über­steigt heute…das Fas­sungs­ver­mö­gen eines durch­schnitt­li­chen, mas­sen­er­zo­ge­nen Uni­ver­si­täts­stu­den­ten. Sei­ne prah­le­ri­sche Gelehrt­heit scheint ihm kei­ne ande­re Fähig­keit gege­ben zu haben, als jene, mit Ja oder Nein auf genau gestell­te Fra­gen zu ant­wor­ten und For­mu­la­re aus­zu­fül­len, die ihn vom 20. Lebens­jahr an zu einer Intel­lek­tu­el­len-Seni­li­täts­pen­si­on berech­ti­gen. Unse­re Vor­fah­ren, die weder lesen noch schrei­ben konn­ten, schei­nen mehr Bil­dung in ihren Fin­ger­spit­zen gehabt zu haben, als wir in unse­ren Köp­fen.“ L.K.

Ohne ein Mini­mum an geis­ti­ger Anstren­gung wird es kei­ne mün­di­gen Bür­ger geben. Und ohne die­se wird auch die Char­ta Papier blei­ben. Der schwei­zer Anar­chist P.M. ali­as Hans Wid­mer, der mit „Neu­start Schweiz“ ein ähn­li­ches Pro­jekt gestar­tet hat wie wir, sagt dazu:

Mün­di­ge Bür­ger wür­den nie­mals einem Rat­ten­fän­ger hin­ter­her­lau­fen. …Vor­aus­set­zung für eine sol­che Mün­dig­keit ist das Gefühl von Zuge­hö­rig­keit, Über­schau­bar­keit, ja: Hei­mat.“ P.M.

Nicht zuletzt aus die­sen Grün­den setzt die Char­ta auf die klei­nen Ein­hei­ten.

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Quel­len:

Leo­pold Kohr „Das Ende der Gro­ßen – Zurück zum mensch­li­chen Maß“

Ernst Fried­rich Schu­ma­cher „Small is beau­ti­ful – Die Rück­kehr zum mensch­li­chen Maß“

P.M. „Bolo Bolo“

P.M. „Neu­start Schweiz“

P.M. „Com­pu­ter und Kar­tof­feln – Märk­te durch Gemein­schaf­ten erset­zen“

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2) Räterepublik 1918/1919

 

Nach dem 1. Welt­krieg gab es für einen kur­zen Augen­blick den Wunsch vie­ler Men­schen, tie­fe­re Ursa­chen der Kata­stro­phe zu berück­sich­ti­gen um künf­ti­ge Krie­ge zu ver­hin­dern. Demo­kra­tie von unten war das The­ma und wie mit einem Brenn­glas wur­de hin­ge­leuch­tet auf not­wen­di­ge Ver­än­de­run­gen. Die Paro­le lau­te­te: Laßt Euch durch Schwät­zer nicht ver­tre­ten, selbst herrscht das Volk in sei­nen Räten. Macht! Alle! Mit! Mün­chen war für einen kur­zen Augen­blick die Stadt einer rea­len Uto­pie. Wir den­ken, daß vor 100 Jah­ren auch ein Beet für unse­re Bestre­bun­gen berei­tet wur­de.

    “Ich glaube an eine künftige Revolution der Gesinnungen und Vorstellungsarten, die alles bisherige schamrot machen wird.”                        Friedrich Hölderlin
Unter Räterepublik ist nichts anderes zu verstehen, als daß das, was im Geiste lebt und nach Verwirklichung drängt, nach irgendwelcher Möglichkeit durchgeführt wird.”     Gustav Landauer
Wir versuchen auch eine neue Form der Demokratie zu entwickeln.
Wir wollen die ständige Mitbestimmung aller Schaffenden in Stadt und Land. …
Dass sie 12 Millionen Wähler hinter sich haben, das beweist nichts für ihre Politik. Die Wahrheit ist kein Multiplikationsexempel.”      Kurt Eisner
Es geht jetzt um die völlige Umgestaltung aller dem Geiste dienenden Einrichtungen des Gemeinwesens. Diener des Vergangenen und Wesenlosen, der ermattenden Geschäftigkeit, die sich im Kreise dreht und nichts vorwärts bringt, kann ich nicht sein. (…) Es darf nicht das Geringste geschehen, was nicht das ganze Volk klar übersehen kann.”     Silvio Gesell
In der Tiefe war etwas im Werden. Etwas wie eine neue Menschlichkeit.”     Hermann Hesse
Man hielt den Atem an. Denn vor uns stand ein Entronnener aus eben jener Schar stummer Blutzeugen für die Ideen der Gewaltlosigkeit, der Wahrheit und der Menschenliebe. Dies war ihr Los wie vor 2000 Jahren.”     Annette Kolb

Was wir in die­sen Tagen erle­ben ist ein Mär­chen, das Wirk­lich­keit gewor­den ist“. Der König ver­läßt heim­lich die dunk­le Stadt wäh­rend sich der Sozi­al­de­mo­krat, Thea­ter- und Kriegs­kri­ti­ker Kurt Eis­ner in der Nacht zum 8. Novem­ber 1918 auf den frei gewor­de­nen Platz des baye­ri­schen Regie­rungs­chefs setzt und Bay­ern zum Frei­staat erklärt. Er bemüht sich, trotz hef­ti­gem Wider­stand von rechts und links, um die Inter­gra­ti­on aller gesell­schaft­li­chen Kräf­te. Lan­ge hat er allein gekämpft gegen den Krieg. End­lich kann er reden, nicht von Par­tei­po­li­tik, son­dern von wesent­li­chen Din­gen. Von der Neu­be­see­lung der Men­schen, der Kunst als Mit­tel der Erzie­hung, die hin­aus­dringt in jedes Dorf. „Wenn über­all die gro­ße Kunst in den Dienst des Vol­kes gestellt wird, dann wird für das künf­ti­ge Völ­ker­le­ben eine neue Zeit anbre­chen!“ Er bekommt viel Zuspruch, zu viel? Die Bereit­schaft der Men­schen mit­zu­ge­stal­ten, wächst. Die Tage im Janu­ar sind „die schöns­ten mei­nes Lebens“. Doch die Geg­ner drän­gen, sie set­zen schließ­lich für den Pro­zeß viel zu frü­he Wah­len schon im Febru­ar durch. Eis­ners Traum von der Ver­ei­ni­gung der Lin­ken ist geschei­tert. Er und sei­ne Minis­ter erhal­ten jäm­mer­lich wenig Zuspruch, obwohl auch zum ers­ten Mal Frau­en wäh­len durf­ten. Ende eines Traums? Ende der Ver­wirk­li­chung der Visi­on Schil­lers und Beet­ho­vens (9. Sym­pho­nie)?

Weni­ge Tage spä­ter wird Eis­ner auf offe­ner Stra­ße erschos­sen.
Gus­tav Land­au­er rief den 100000 Münch­nern bei sei­ner Grab­re­de zu: „Kurt Eis­ner war ein Pro­phet, der unbarm­her­zig mit den klein­mü­ti­gen, erbärm­li­chen Men­schen gerun­gen hat, weil er die Men­schen lieb­te und an sie glaub­te. … Die Revo­lu­ti­on ist sein Ver­mächt­nis an die Mensch­heit. Wir haben sie in sei­nem Geis­te fest und human wei­ter­zu­füh­ren.“
Mün­chen trau­er­te und rutsch­te gen Süden. Von über­all kamen Hip­pies, San­da­len­trä­ger, Radi­kal­de­mo­kra­ten, Hyp­no­ti­seu­re und Yogis in die Stadt, von der es hieß, daß hier Lite­ra­tur in Wirk­lich­keit ver­wan­delt wer­de. Men­schen wur­den berührt von all den Traum­tän­zern, Pre­di­gern, Gedich­te­ver­tei­lern und Mög­lich­keits­men­schen. Es war, als hät­te sich für einen Augen­blick ein Fens­ter geöff­net, das den Blick frei­gab in eine ande­re Welt. Vie­le hat­ten über Jahr­zehn­te auf die­sen Moment hin­ge­wirkt. Dich­ter und Welt­ver­bes­se­rer, der Thea­ter­schrei­ber Ernst Tol­ler, der Anar­chist Erich Müh­sam, der Schrift­stel­ler und Pazi­fist Gus­tav Land­au­er, der Frei­geld­den­ker Sil­vio Gesell, der Poli­ti­ker Ernst Nie­kisch, der Revo­lu­tio­när Re Marut (B.Traven) und all die mit ihnen Sym­pa­thi­sie­ren­den, wie Oskar Maria Graf, Rai­ner Maria Ril­ke, Kla­bund (Alfred Georg Her­mann Hensch­ke), Tho­mas Mann. Vie­le hoff­ten, daß ihr Lei­den im Krieg nicht umsonst gewe­sen sei und wuß­ten, daß es jetzt in die­ser his­to­ri­schen Chan­ce um Einig­keit im Kampf gegen den Kapi­ta­lis­mus gehe. Am 7. April 1919 wird die Räte­re­pu­blik aus­ge­ru­fen. Ein gan­zes Maß­nah­men­bün­del soll umge­setzt wer­den, doch womit begin­nen? Und wie­viel Zeit wird dafür gewährt? „Die See­len der Men­schen müs­sen von Grund auf neu sich bil­den, in Schu­len und an den Uni­ver­si­tä­ten“ (Land­au­er). Zins­herr­schaft ist zu been­den, Geld­trans­fers von Groß­ka­pi­ta­lis­ten ins Aus­land zu ver­hin­dern. Miet­wu­cher soll ver­bo­ten wer­den. Zei­tun­gen und das Ver­lags­we­sen müs­sen sozia­li­siert wer­den um der „Kriegs­het­zen­den Lügen­pres­se“ Herr zu wer­den, „gegen die Ver­pö­be­lung des Geschmacks“ (Pres­se soll frei sein von Unter­neh­mer­ge­win­nen, wie die Schu­len!). Ate­liers sol­len für Künst­ler und Krea­ti­ve zur Ver­fü­gung gestellt wer­den. Die Frei­las­sung aller Kriegs­ge­fan­ge­nen wird ange­ord­net, der 8-Stun­den­tag ein­ge­führt, eben­so der arbeits­freie Sonn­tag. Es war die Welt­se­kun­de der Lite­ra­tur an der Macht – ein Traum, eine Mög­lich­keit, ein Gedicht. Viel zu schnell schloß sich das Fens­ter, die Räte­re­pu­blik währ­te gera­de mal 7 Tage.

Ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt.”    Friedrich Hölderlin
Liebe und Friede,  Geist und Volk,  Schönheit und Gemeinschaft:  das alles war ihm (Hölderlin) zusammengehörig und eins.”     Gustav Landauer

Frie­den und Lie­be war der Traum.
Hohn und Spott und Hass war das Ergeb­nis. Es ende­te fürch­ter­lich. Die Men­schen hat­ten Angst. Um ihr Geld. Um ihre Sicher­heit und um ihre Ruhe. Mün­chen wur­de in zwei sich uner­bitt­lich bekrie­gen­de Hälf­ten geris­sen. Einer, gera­de 30 gewor­den, poli­ti­sier­te sich seit die­sen Tagen. Adolf Hit­ler wuß­te noch nicht, wel­che Auf­ga­ben das Leben für ihn vor­ge­se­hen hat­te.

Rai­ner Maria Ril­ke schreibt wäh­rend der Räte-Zeit: „Erst jetzt sind ja eigent­lich Idea­le deut­lich gewor­den, die mensch­lichs­ten und hin­rei­ßends­ten, und es darf uns nicht beir­ren, daß die Men­ge so schwer­kör­pe­rig und unbe­hol­fen und rat­los für sie ein­steht.“ Kur­ze Zeit danach ver­ließ der Ster­nen­dich­ter Deutsch­land für immer.

Spä­ter schrieb er über den baye­ri­schen Traum: „Deutsch­land hät­te 1918 im Moment des Zusam­men­bruchs alle, die Welt beschä­men kön­nen durch einen Akt tie­fer Wahr­haf­tig­keit und Umkehr. Damals hoff­te ich einen Augen­blick…“

Quel­len: Vol­ker Wei­der­mann „Träu­mer“, 2017
Johan­nes Hein­richs „Revo­lu­ti­on aus Geist und Lie­be“, 2007
Spie­gel 45/2017
Gus­tav Land­au­er: „Fried­rich Höl­der­lin in sei­nen Gedich­ten“, Rede vom 13. März 1916

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3) Matriarchatsforschung und Patriarchatskritik

 

War­um gebrau­chen wir im CHAR­TA-Zusam­men­hang die­se bei­den poli­ti­schen Begrif­fe, die schein­bar z.Z. völ­lig „außer Mode“ sind? Weil sie, ähn­lich wie die Begrif­fe im Zusam­men­hang basis- und räte­de­mo­kra­ti­scher Kon­zep­te, völ­lig zu Unrecht als unzeit­ge­mäß und über­holt gel­ten. In den 80er Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts durf­ten wir eine Blü­te des poli­ti­schen und ganz­heit­li­chen Bewußt­seins erle­ben. „Öko­fe­mi­nis­tin­nen“ hat­ten die The­men Matri­ar­chat und Patri­ar­chat in die gesamt­po­li­ti­sche Debat­te ein­ge­bracht. Anar­chis­ten, Umwelt­be­wuß­te und sogar Tei­le der mar­xis­ti­schen Lin­ken began­nen zu ver­ste­hen, daß Kapi­ta­lis­mus­ana­ly­se allein nicht aus­reich­te, die patri­ar­cha­le Zivi­li­sa­ti­on als Herr­schafts­sys­tem von Men­schen über Men­schen in der gebo­te­nen Tie­fe zu erfas­sen. Statt die „Frau­en­fra­ge“ als „Neben­wi­der­spruch“ im Klas­sen­kampf abzu­tun, began­nen die ers­ten damit, den Kapi­ta­lis­mus als das moder­ne Gesicht eines dar­un­ter lie­gen­den Unter­drü­ckungs­sys­tems zu erken­nen.

Der Umsturz des Mutterrechts war die weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts.“ (.…) Frauen begannen zu erkennen, daß es einen Zusammenhang zwischen Umweltzerstörung, atomarer Bedrohung, Krieg und patriarchaler Gewalt gegen Frauen und fremde Völker gibt.“   Mariam Irene Tazi-Preve

Dann setz­ten im Zuge der neo­li­be­ra­len Glo­ba­li­sie­rung ver­schie­de­ne Des­in­for­ma­ti­ons-kam­pa­gnen ein und began­nen, das poli­ti­sche Bewußt­sein unse­rer Gesell­schaft wie­der nach­hal­tig ein­zu­ne­beln. Die sozia­le Markt­wirt­schaft wur­de zum Aus­lauf­mo­dell, aber auch alle poli­ti­schen Per­spek­ti­ven, die das herr­schen­de Sys­tem grund­sätz­lich in Fra­ge stell­ten, gerie­ten in den Ruf, von vor­ges­tern zu sein. Nach dem Zusam­men­bruch der staats-sozia­lis­ti­schen Vari­an­te des Patri­ar­chats war sogar von einem „Ende der Geschich­te“ die Rede. Und heu­te regiert das t.i.n.a-Prinzip (=the­re is no alter­na­ti­ve) nahe­zu welt­weit die Poli­tik.

Patriarchales Bewußtsein steigerte sich im Verlauf der Ausweitung von Herrschaftstechnologie, die von direkter Gewalt immer stärker zu unsichtbarer, struktureller Gewalt übergegangen ist.“   Heide Göttner-Abendroth
Einige von uns spüren, da muß etwas geschehen. Wir ahnen, wir brauchen die Wildnis zum Leben. Wir müssen umdenken, umhandeln, umfühlen. Beunruhigt bemerken wir, unsere ganze Zivilisation ist auf dem falschen Weg.“   Claudia von Werlhof

Als wir vor bald zehn Jah­ren mit der Arbeit an der CHARTA began­nen, war uns klar, daß wir die Prin­zi­pi­en von Dezen­tra­li­sie­rung und Regio­na­li­sie­rung ergän­zen muß­ten um die Per­spek­ti­ve einer nach­hal­ti­gen Basis­de­mo­kra­tie; und daß eine sol­che nicht ein­fach eine Wie­der­ho­lung der ers­ten räte­de­mo­kra­ti­schen Ver­su­che von vor rund hun­dert Jah­ren sein konn­te, son­dern heu­te das gesam­te moder­ne Wis­sen um Matri­ar­chat, Patri­ar­chat und deren anthro­po­lo­gi­schen und struk­tu­rel­len Grund­be­din­gun­gen, einer erwie­se­ner­ma­ßen frei­heits- und gemein­schafts­för­der­li­chen Zivi­li­sa­ti­on, in sich auf­zu­neh­men hat, wenn sie mehr sein will als ein rela­tiv irrele­van­tes und chan­cen­lo­ses Her­um­sto­chern im Nebel. Erst die Erin­ne­rung, das Wis­sen und die Inte­gra­ti­on die­ser „Matrix der Frei­heit“ in unser heu­ti­ges Gestal­ten von Gesell­schaft ver­leiht der CHARTA das Zeug zu einer neu­en „gro­ßen Erzäh­lung“.

Wenn das fragmentierte Wissen wieder zusammengesetzt würde, entstünde Wissen erst wirklich.“   Mariam Irene Tazi-Preve

Das Patri­ar­chat, die Zivi­li­sa­ti­on der Herr­schaft von Men­schen über Men­schen, ist auf Krieg, Raub und Aus­beu­tung gegrün­det, aber erst ca. 5000 Jah­re alt. Der „Krieg als Vater aller Din­ge“ und die „schlech­ten, fau­len und ego­is­ti­schen Men­schen“ die zu ihrem eige­nen Bes­ten von den Eli­ten kon­trol­liert wer­den müs­sen – sie gehö­ren weder zur mensch­li­chen Natur, noch exis­tie­ren sie schon ewig.

Der erste Klassengegensatz in der Geschichte fällt zusammen mit der Entwicklung des Antagonismus von Mann und Frau in der Einzelehe, und die erste …Unterdrückung mit der des weiblichen Geschlechts durch das männliche.“    Friedrich Engels
Patriarchat ist für mich…vor allem ein theoretisches Grundkonzept für das Verständnis der Herkunft, Entwicklung und Zukunft unserer gegenwärtigen weltweiten Gesellschaftsordnung.“    Claudia von Werlhof
Das Unrecht hat einen Namen.“   Mariam Irene Tazi-Preve

Davor und dane­ben gab es die glo­ba­le Zivi­li­sa­ti­on der Matri­ar­cha­te. Sie hat über Jahr­zehn­tau­sen­de fried­lich und über drei Kul­tur­stu­fen hin­weg exis­tiert (Res­te davon, wenn auch weni­ger als ein Pro­zent der Welt­be­völ­ke­rung, leben heu­te noch nach ihrem Mus­ter). Sie basiert auf mut­ter­zen­trier­ten Struk­tu­ren und Wer­ten, die nicht nur die fami­liä­ren und sozia­len Ver­hält­nis­se in den Grund­ein­hei­ten der Gesell­schaft prä­gen, son­dern eine ganz ande­re Zivi­li­sa­ti­on her­vor­brin­gen, die auf Gemein­schaft und Koope­ra­ti­on basiert.

Matri­ar­cha­te bedeu­ten nicht nur ein ande­res Ver­hält­nis (auf Augen­hö­he!) der Geschlech­ter zuein­an­der, sie bedeu­ten auch ein ande­res Ver­hält­nis zwi­schen den Gene­ra­tio­nen, ande­re (herr­schafts­freie) Ent­schei­dungs­pro­zes­se und poli­ti­sche Struk­tu­ren, ein part­ner­schaft­li­che­res Ver­hält­nis zur Natur und ein Ver­hält­nis zur Tran­szen­denz, das lebens­be­ja­hen­de­re, leib- und frau­en­freund­li­che Vor­stel­lun­gen über die geis­ti­ge Welt för­dert als die patri­ar­cha­len „Hoch­re­li­gio­nen“.

Leug­ner, Geg­ner und Ver­leum­der der matri­ar­cha­len Zivi­li­sa­ti­on stel­len die­se gern als „fake“, män­ner­un­ter­drü­ckend oder nur in der Stein­zeit mög­lich dar. Nichts davon ist real. Die­se Vor­ur­tei­le ent­ste­hen (bes­ten­falls) aus Unwis­sen­heit oder wer­den absicht­lich aus ideo­lo­gi­schen Vor­be­hal­ten lan­ciert.

Wenn wir heu­te das Wis­sen um die alte ega­li­tä­re Gemein­schafts­zi­vi­li­sa­ti­on in die aktu­el­len CHARTA -Zusam­men­hän­ge inte­grie­ren, dann geht nicht dar­um, ver­gan­ge­ne Sozi­al­struk­tu­ren 1:1 in die Gegen­wart zu über­tra­gen, son­dern dar­um, die wesent­li­chen Grund­zü­ge die­ser erprob­ten sozia­len Intel­li­genz für den Auf­bau einer enkel­taug­li­chen Zukunft zu nut­zen.

Demokratie…wird eine Wiederbelebung sein – aber in höherer Form- der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der alten (mutterrechtlichen) Sippen.“  Friedrich Engels
Gelingt es, in diesem extremen Prozess die zerstörerischen patriarchalen Herrschaftsmuster aufzulösen und überall, auch in Europa, zu kleineren Gebilden mit lebensfreundlicherer Sozialordnung zurückzukehren?“ Heide Göttner-Abendroth
Das politische Gestalten matrilinearer Gesellschaften folgt den Prinzipien der Kleinräumigkeit und der Konsensbildung.“  Mariam Irene Tazi-Preve

Quel­len: Hei­de Gött­ner-Abend­roth „Zur Defi­ni­ti­on von Matri­ar­chat“ und „Matri­ar­cha­te als herr­schafts­freie

Gesell­schaf­ten“ und „Der Weg zu einer ega­li­tä­ren Gesell­schaft“

Clau­dia von Werl­hof „Der uner­kann­te Kern der Kri­se“ und „Die Ver­keh­rung“

Fried­rich Engels „Der Ursprung der Fami­lie, der Pri­vat­ei­gen­tums und des Staa­tes“

Bernd Herck­sen „Vom Urpa­tri­ar­chat zum glo­ba­len Crash?“

Mari­am Ire­ne Tazi-Pre­ve „Das ver­sa­gen der Klein­fa­mi­lie – Kapi­ta­lis­mus, Lie­be und der Staat“

www.charta-demokratiekonferenz.org und konvergenz-gandalf@posteo.de