Vorträge

Vorträge und Texte

Die­ter Duhm: “Wie könn­te die Frie­dens­be­we­gung gewin­nen?”

Vor­trag Johan­nes Stütt­gen, Omni­bus für Direk­te Demo­kra­tie

Vor­trag von Ralph Boes:   „Wer hat in unse­rem Staat das Sagen?“
gehal­ten am 25. Juni 2017 auf dem PAX-TERRA-MUSICA Frie­dens­fes­ti­val
(sie­he auch: pax-ter­ra-musi­ca)

François Cus­set “Die beschei­de­ne Revo­lu­ti­on”

Leo­pold Kohr „Das Ende der Gro­ßen“ über L. Kohrs Den­ken

Rosa­lie Ber­tell Sind wir die letz­ten Gene­ra­tio­nen?
Die letz­ten Inter­views mit der Wis­sen­schaft­le­rin und Wis­sen­schafts­kri­ti­ke­rin

Robert Men­as­se Der euro­päi­sche Land­bo­te
Die Wut der Bür­ger und der Frie­de Euro­pas oder War­um die geschenk­te Demo­kra­tie erkämpft wer­den muss

Bert­hold Fran­ke Grö­ße macht dumm
Die alte Erzäh­lung vom Frie­den genügt nicht mehr – Euro­pa sucht ver­zwei­felt neue Leit­mo­ti­ve. Dabei liegt es längst auf der Hand: Das gro­ße Ziel heißt klei­ner wer­den.

Niko Paech Der Post-Wachs­tums­öko­nom for­dert: nur noch 20 Wochen­stun­den arbei­ten

Kai Ehlers Grund­ein­kom­men für alle – Sprung­brett in eine inte­grier­te Gesell­schaft
und
Die Kraft der Über­flüs­si­gen – Die Macht der Über-Flüs­si­gen

 

Heinz Kruse, Demokratiekonferenz Herbst 2015   Vortrag Teil I

Gesellschaftlicher Wandel und politische Sklerose

Kri­sen fal­len nicht vom Him­mel. Die tra­gen­den Säu­len unse­rer Gesell­schaft sind durch einen fun­da­men­ta­len Wan­del ins Wan­ken gera­ten. Die­ser Wan­del löst sach­li­che Fra­gen und Auf­ga­ben und macht­po­li­ti­sche Hand­lungs­zwän­ge aus. Sie füh­ren im Ergeb­nis zu einer Poli­tik, die sich von der Ord­nung des Rechts ent­fernt hat und vor allem, die nur noch in den eige­nen Macht­in­ter­es­sen reflek­tiert ist.

Zum Begriff des Wandels

Die Indus­trie­ge­sell­schaft begann mit einer ‚Revo­lu­ti­on des Den­kens‘ und ihre Ablö­sung geschieht der­zeit eben­falls mit einer ver­gleich­ba­ren Revo­lu­ti­on. Es wird behaup­tet, die Glo­ba­li­sie­rung hät­te tech­ni­sche Sach­zwän­ge geschaf­fen, zu denen es kei­ne Alter­na­ti­ven gibt. Sie mache z.B. Euro und Kapi­tal­markt­li­be­ra­li­sie­rung (also Raub­tier­ka­pi­ta­lis­mus) erfor­der­lich. Das ist eben­so falsch, wie die Behaup­tung, die Welt der Indus­trie sei tech­nisch (mit der Dampf­ma­schi­ne) ent­stan­den. Die alte Welt der Indus­trie begann mit den neu­en ana­ly­ti­schen Natur­wis­sen­schaf­ten und mit Erfin­dun­gen, die etwas mit Wis­sen und sei­ner Bewah­rung und Wei­ter­ga­be zu tun hat­ten. Der Buch­druck und mit ihm die Ent­per­so­na­li­sie­rung der Wei­ter­ga­be von Wis­sen, war grund­le­gend für die Ent­wick­lung des Indus­trie­sys­tems. Der Fort­schritt, das ist die Bot­schaft, war nie nur tech­nisch. Er war immer auch sozi­al, kul­tu­rell und poli­tisch for­miert.

Die Qua­li­tät des gegen­wär­ti­gen Wan­dels kann man an Hand der struk­tur­rele­van­ten Merk­ma­le die­ser Zeit erken­nen: Es waren die Zer­glie­de­rung (Ana­ly­se), die zur Arbeits­tei­lung in den Indus­tri­en führ­te. Die­se wie­der­um beding­te die Kon­zen­tra­ti­on von Pro­duk­ti­ons­mit­teln, der die Zen­tra­li­sie­rung von Kapi­tal folg­te. Dar­aus ent­wi­ckel­te sich die Mas­sen­pro­duk­ti­on, die glei­che Pro­duk­te (also die Stan­dar­di­sie­rung) erfor­der­te.

Ent­spre­chend war die Indus­trie­ge­sell­schaft durch fol­gen­de Prin­zi­pi­en (Struk­tur­merk­ma­le) beschrie­ben: Prin­zip der Mas­sen­pro­duk­ti­on, groß­tech­no­lo­gi­sche Pro­duk­ti­on, Zen­tra­li­sie­rung und Stan­dar­di­sie­rung. Die­ser quan­ti­ta­ti­ven Logik folg­te die Unter­ord­nung der Qua­li­tä­ten in der Welt. Die qua­li­ta­ti­ven Aspek­te des Lebens und der Gesell­schaft wur­den den quan­ti­ta­ti­ven, öko­no­mi­schen Struk­tur­ge­set­zen unter­ge­ord­net. Es ent­stand eine Hier­ar­chie der Din­ge, die nicht tech­nisch vor­ge­ge­ben war, son­dern die durch Men­schen­hand ent­stand. Die Behaup­tung, sie sei tech­nisch vor­ge­ge­ben, war schon immer ideo­lo­gisch und ver­schlei­ernd.

Die Glei­chung: Groß ist gut und ver­nünf­tig setz­te sich in Wirt­schaft, wie in Poli­tik, Admi­nis­tra­ti­on und Gesell­schaft durch. Sie wur­de zum Glau­bens­satz und zur Indus­trie­kul­tur (zur Moder­ne).
Die angeb­li­che Über­le­gen­heit groß­tech­no­lo­gi­scher Lösun­gen gegen­über tra­di­tio­nel­len For­men brach­te nicht nur das Wachs­tums­prin­zip als neue Reli­gi­on, son­dern dar­aus abge­lei­tet auch den Impe­ria­lis­mus her­vor. Im Inter­es­se der Öko­no­mie galt es, die Welt nicht nur beherr­schen, son­dern sie unter das Dik­tat die­ser wirt­schaft­li­chen Ideo­lo­gie zu pres­sen. Qua­li­ta­ti­ve Grö­ßen, mensch­li­ches Maß, Umwelt, sozia­le, kul­tu­rel­le Aspek­te des Lebens ord­ne­ten sich den Erfor­der­nis­sen einer quan­ti­ta­tiv mess­ba­ren öko­no­mi­schen Welt unter, bzw. sie gin­gen unter. Und wie heu­te fan­den sich die ‚Hohen Pries­ter‘ der gesell­schaft­lich rele­van­ten Grup­pen, die die größ­ten Ver­bre­chen wie Skla­ve­rei und Aus­rot­tung gan­zer Völ­ker ‚ethisch‘ recht­fer­tig­ten. Die heu­ti­gen Medi­en haben also kein Recht dar­auf, sich als Erfin­der der Mei­nungs­ma­ni­pu­la­ti­on zu sehen.

Die Zeit der Massenproduktion ist vorbei

Der welt­wei­te struk­tu­rel­le Wan­del hat zu einer qua­li­ta­ti­ven Trans­for­ma­ti­on von Wirt­schaft und Gesell­schaft geführt. Aber die Ideo­lo­gie wie­der­holt sich: Mit dem Begriff der Glo­ba­li­sie­rung will uns die Pro­pa­gan­da glau­ben machen, sie sei tech­nisch zer­bro­chen. Denn nur dann kann man aus der Glo­ba­li­sie­rung angeb­li­che sach­li­che Hand­lungs­zwän­ge ablei­ten. Nur dann, kann die mit der Tech­nik ver­bun­de­ne Kapi­tal­do­mi­nanz als neu­er Glau­bens­satz der angeb­li­chen Alter­na­tiv­lo­sig­keit ver­kün­det wer­den. Aber das ist falsch. Nicht die Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie allein, son­dern erst die Ehe aus ihr und der Cha­os-Theo­rie hat die Wen­de in die post­in­dus­tri­el­le Gesell­schaft gebracht. Zudem haben sich die­se neu­en Tech­no­lo­gi­en hori­zon­tal über alle Bran­chen, über Kul­tur und Gemein­schaft aus­ge­brei­tet und sie umfas­send oder ganz­heit­lich in eine neue Welt geführt. Der Wan­del war von vorn­her­ein nicht nur tech­nisch, son­dern er war kul­tu­rell und sozi­al for­miert.

Die wesent­li­chen Abschnit­te des Wan­dels waren die Durch­drin­gung von Wirt­schaft und Gesell­schaft mit den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gi­en. Sie waren mit der Beschleu­ni­gung vie­ler Pro­zes­se in die­sen Berei­chen ver­bun­den und vor allem führ­ten sie zu wach­sen­der Kom­ple­xi­tät und Dif­fe­ren­zie­rung. Wäh­rend die Welt der gro­ßen Indus­trie noch durch Bere­chen­bar­keit und Plan­bar­keit cha­rak­te­ri­siert war, ent­stan­den in der Post­mo­der­ne Viel­falt und Unbe­re­chen­bar­keit. Aktu­ell steht eine neue Pha­se die­ses Wan­dels mit den neu­en Mög­lich­kei­ten der Orga­ni­sa­ti­on von Pro­duk­ti­on an. Sie führt dazu, dass die Beschleu­ni­gungs­ef­fek­te sich ver­stär­ken und die Kom­ple­xi­tät unse­rer Umwelt wei­ter wach­sen wer­den. Auch in der Pro­duk­ti­on fin­det eine Ver­bin­dung zwi­schen der vir­tu­el­len Welt der Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der rea­len Welt der Ato­me statt. Das bedeu­tet, es ent­ste­hen Wert­schöp­fungs­ver­bün­de die sich quer oder hori­zon­tal zu alten orga­ni­sa­to­ri­schen Mus­tern in Netz­wer­ken for­mie­ren. Damit ist eine neue Rol­le des Men­schen (nicht nur der Tech­nik) ver­bun­den.

Qua­li­fi­ka­tio­nen – auch sozia­le, kul­tu­rel­le Qua­li­fi­ka­tio­nen spie­len eine her­aus­ra­gen­de Rol­le. Es muss künf­tig nicht mehr in geschlos­se­nen unver­än­der­li­chen Sys­te­men und Orga­ni­sa­tio­nen gedacht wer­den, son­dern in Sys­tem­struk­tu­ren. Sie sind ver­än­der­lich, haben flie­ßen­de Gren­zen und Über­gän­ge und sie wer­den sich im lau­fen­den Betrieb fle­xi­bel neu bestim­men und damit ihre Posi­ti­on flie­ßend neu defi­nie­ren. Ver­bun­den damit wird eine neue Form der Arbeits­tei­lung sein, die sich inner­halb von Unter­neh­men, in Wert­schöp­fungs­ver­bün­den und natür­lich auch im glo­ba­len Maß­stab aus­wir­ken wird.

Die Folgen des Wandels

Heu­te wäre es wie­der Zeit für grund­le­gen­de Refor­men, die vor allem die Poli­tik betref­fen. Wie einst der augus­ti­ni­sche Got­tes­staat über­holt war, ist heu­te die büro­kra­tisch-zen­tra­lis­ti­sche Par­tei­en­herr­schaft über­holt. Denn die prä­gen­den Eigen­schaf­ten von Refor­men soll­ten sein: Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und Selbst­ver­wal­tung auf der Basis von Dezen­tra­li­tät und natür­lich auch Selbst­ver­ant­wor­tung. Zudem sind neue Berei­che in die mensch­li­che Ver­ant­wor­tung getre­ten: Z.B. in Form der Umwelt, die sich erst­mals in der mensch­li­chen Geschich­te als knapp und ver­letz­lich erweist.
Orga­ni­sa­to­risch bedeu­tet das, wir spre­chen über Ver­net­zung, flie­ßen­de Struk­tu­ren, Netz­wer­ke. Sie sind hori­zon­tal ange­ord­net. Sie beru­hen auf auto­nom agie­ren­den Sys­te­men in denen flie­ßen­de Anpas­sun­gen mög­lich sein wer­den. An die­ser Stel­le jedoch schei­tert unser Par­tei­en­sys­tem, dass immer noch zen­tra­lis­tisch, hier­ar­chisch struk­tu­riert ist und des­halb weder lern- noch anpas­sungs­fä­hig ist für die Her­aus­for­de­run­gen der neu­en Welt. Vor allem schei­tert auch das Orga­ni­sa­ti­ons­mo­dell der Par­tei­en­herr­schaft, denn das beruht auf einer zen­tra­lis­ti­schen Admi­nis­tra­ti­on. Des­halb haben wir z.B. das Büro­kra­tie­mons­ter einer EU statt eines demo­kra­ti­schen Euro­pas der Regio­nen.

Das Par­tei­en­sys­tem spie­gelt die Struk­tu­ren der ver­gan­ge­nen Indus­trie­ge­sell­schaft. Zudem sind Par­tei­en Macht­or­ga­ni­sa­tio­nen. Ihr Zweck ist die Errin­gung und Fort­schrei­bung poli­ti­scher Macht. Die­se Macht lei­tet sich aus der Beherr­schung der Ver­tei­lungs­struk­tu­ren und vor allem aus der Beherr­schung der poli­ti­schen Admi­nis­tra­ti­on ab. Es sind die Struk­tu­ren, die die alte Indus­trie­ge­sell­schaft geprägt hat­ten. Sie sind zen­tra­lis­tisch, stark arbeits­tei­lig und in ihrer Wir­kungs­wei­se auf Bere­chen­bar­keit und Plan­bar­keit ange­wie­sen.

Mit der Zunah­me von Beschleu­ni­gun­gen und Kom­ple­xi­tät ver­liert die poli­ti­sche Admi­nis­tra­ti­on ihre Funk­tio­na­li­tät. Poli­tik wird unfä­hig, Zukunfts­auf­ga­ben zu bewäl­ti­gen und ihre büro­kra­ti­sche Regu­lie­rung wird inef­fi­zi­ent und unsin­nig. Euro­pa – geschaf­fen als Pro­dukt einer zen­tra­lis­tisch struk­tu­rier­ten Poli­tik, wird zum inef­fi­zi­en­ten Mons­ter der Büro­kra­tie. Es ist geprägt von unsin­ni­ger Regu­lie­rung, von Fehl­steue­rung, Ver­schleu­de­rung wich­ti­ger Res­sour­cen und es wird anfäl­lig für Lob­by­po­li­tik. Euro­pa hät­te als Euro­pa der Regio­nen Sinn und Per­spek­ti­ve, als büro­kra­ti­scher Kom­plex ist es Aus­druck von Poli­tik­ver­sa­gen. Zusam­men gefasst ent­spre­chen die Denk- und Hand­lungs­mus­ter der Poli­tik nicht mehr den gegen­wär­ti­gen Her­aus­for­de­run­gen an poli­ti­sches Han­deln. Die Poli­tik löst kei­ne Kri­sen mehr, sie ist ein Pro­blem gewor­den.

Von der Demokratie in die Plutokratie

In jeder Ver­än­de­rung stem­men sich die Macht­ha­ber gegen die not­wen­di­gen Struk­tur­re­for­men, weil sie Vor­aus­set­zung ihrer Macht sind. Dies gilt für die Par­tei­en­herr­schaft eben­so wie für die frü­he­re Feu­dal­herr­schaft. Um ihre Macht zu ver­tei­di­gen, zer­stö­ren sie die recht­li­chen, mora­li­schen und mate­ri­el­len Grund­la­gen ihrer Gesell­schaf­ten. Je mehr die­se Ent­wick­lung vor­an­schrei­tet, ver­lie­ren Par­tei­en (und Regie­run­gen) ihre fach­li­che Hand­lungs­kom­pe­tenz und je mehr müs­sen Funk­tio­nen in Regie­rung und Ver­wal­tung nicht mit fach­kom­pe­ten­ten Par­tei­mit­glie­dern, son­dern mit Gefolg­schaft oder Seil­schaf­ten besetzt wer­den. Dies ist ein wesent­li­cher Fak­tor, der die gegen­wär­ti­ge Poli­tik erklärt.

Zwei ande­re wich­ti­ge Fak­to­ren kom­men hin­zu. Um die Macht zu sichern, muss sich die Poli­tik in Netz­wer­ke mit gesell­schaft­lich rele­van­ten Inter­es­sen­grup­pen bege­ben. Dies erklärt die Ein­falls­to­re für die Lob­by. Deren Wün­sche und Inter­es­sen müs­sen immer mehr im Mit­tel­punkt der Poli­tik ste­hen. Des­halb gibt es fau­le Kom­pro­mis­se, begüns­ti­gen­de Sub­ven­tio­nen und vor allem die wach­sen­de Miss­ach­tung des Rechts. Die jüngs­ten Bei­spie­le aus der Auto­mo­bil­in­dus­trie sind cha­rak­te­ris­tisch. Sie zei­gen auch die Gefah­ren, die aus einer ‚neu­en Kum­pa­nei‘ resul­tie­ren. Die Poli­tik ent­fernt sich von der Ord­nung des Rechts und die Wirt­schaft ver­liert ihre tech­no­lo­gi­schen Kom­pe­ten­zen, weil sie die Aus­wir­kun­gen die­ses Pro­zes­ses durch Sub­ven­tio­nen und wirt­schaft­li­che Macht für eine gewis­se Zeit kom­pen­sie­ren kann.

Eine wich­ti­ge Rol­le zur Sta­bi­li­sie­rung der poli­ti­schen Lage und zur Auf­recht­erhal­tung einer öffent­li­chen Schein­welt spie­len die soge­nann­ten gesell­schaft­lich rele­van­ten Grup­pen. Z.B. Kir­chen, Gewerk­schaf­ten und NGO und vor allem die Medi­en. Sie haben die Rol­le, ein par­tei­en­freund­li­ches öffent­li­ches Kli­ma (Z.B. uns geht es gut, wir kön­nen tei­len, Opfer müs­sen gebracht wer­den) zu erzeu­gen oder gar um Auf­ga­ben zu über­spie­len, an denen die Poli­tik schon geschei­tert ist (z.B. Inte­gra­ti­on). Statt hand­lungs­fä­hi­ger Poli­tik, gibt es emo­tio­na­le Apel­le: Wir schaf­fen das schon. Sie wer­den brav von allen Sys­tem­me­di­en in die Köp­fe gebracht. In Kon­flikt­fäl­len haben die Medi­en zudem die Auf­ga­be, nicht mehr zu leug­nen­de Miss­stän­de und Wider­sprü­che zu über­spie­len, sie als Ein­zel­fäl­le dar­zu­stel­len oder poli­ti­sche Wider­sa­cher ins poli­ti­sche, recht­li­che Abseits zu stel­len. Medi­en und gesell­schaft­lich rele­van­te Grup­pen bil­den sozu­sa­gen, die Brand­mau­er um das poli­ti­sche Ver­sa­gen und sie müs­sen dafür natür­lich auch belohnt wer­den (die übli­chen Prä­mi­en dafür sind Sub­ven­tio­nen und Sonderrechte/z.B. das Arbeits­recht in kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen)

Die Sonderrolle der Finanzoligarchie

Mit dem tech­ni­schen Wan­del konn­te sich das Finanz­ka­pi­tal gegen­über dem Gewer­be- und Indus­trie­ka­pi­tal eine Son­der­rol­le schaf­fen. Vor­aus­set­zung dafür war, dass das Finanz­ka­pi­tal die Poli­tik len­ken konn­te. So ent­stan­den Maß­nah­men wie die Euro-Ein­füh­rung, die Libe­ra­li­sie­rung der Finanz­märk­te und die Garan­ti­en für die Über­nah­me der Spe­ku­la­ti­ons­ri­si­ken bei Län­dern und Ban­ken. Die­se poli­ti­schen Maß­nah­men führ­ten zu einer Kon­zen­tra­ti­on von Finanz­ka­pi­tal, das nun aus­rei­chend gestärkt war, um nach den Reich­tü­mern der Welt zu grei­fen.

Aber im Gegen­satz zur Poli­tik, strebt das Finanz­ka­pi­tal nicht nach Siche­rung des Sta­tus. Das von ihr und der Poli­tik geschaf­fe­ne Geld­ver­mö­gen ist fak­tisch wert­los. Nur wenn mit der auf­ge­bläh­ten Geld­men­ge Real­gü­ter (Roh­stof­fe, Land, Infra­struk­tur) und zen­tra­le Güter des all­ge­mei­nen Wohls (Was­ser, Strom, Bil­dung, Sozi­al­ver­si­che­rungs­ver­mö­gen) erwor­ben oder geraubt wer­den kön­nen, wird das nomi­na­le Geld wie­der wert­voll. Dann gestat­tet es der Finan­zo­lig­ar­chie nach den Reich­tü­mern der Welt zu grei­fen. Wer finan­zi­el­len Reich­tum in künf­ti­ge Macht Trans­for­mie­ren will, braucht den Zugriff auf die Reich­tü­mer und vor allem die Bedin­gun­gen künf­ti­ger Macht. Dies sind vor allem Boden, Roh­stof­fe, Infra­struk­tur und Wis­sen. Wäh­rend die Grif­fe nach Böden und Roh­stof­fen bereits im rie­si­gen Umfang erfolg­ten (in Afri­ka wur­den mehr als 200 Mio. ha. Land fak­tisch ent­eig­net), steht der Griff nach der Infra­struk­tur in Euro­pa mit CETA und TTIP unmit­tel­bar bevor.

Mög­lich war das alles durch die Ver­grö­ße­rung und Homo­ge­ni­sie­rung der Finanz­märk­te durch Euro und sog. libe­ra­le Spiel­re­geln des Finanz­ka­pi­ta­lis­mus, durch die Ver­la­ge­rung von Bank­de­fi­zi­ten auf die öffent­li­chen Hän­de und natür­lich durch die Insze­nie­rung von regio­na­len Kon­flik­ten (Liby­en, Syri­en, Ukrai­ne).

Alle die­se Maß­nah­men zei­gen den beson­de­ren Cha­rak­ter des Finanz­ka­pi­tals: Es begrün­det sei­ne Macht nicht allein durch Geld­be­sitz, son­dern durch Mög­lich­keit des Zugriffs auf die poli­ti­schen Instan­zen. Gleich­zei­tig höhlt er die­se Instan­zen aus, indem mit der Ideo­lo­gie der Vor­teil­haf­tig­keit der soge­nann­ten frei­en Märk­te, vie­le der staat­lich orga­ni­sier­ten Leis­tun­gen pri­va­ti­siert und damit in den Will­kür­be­reich finanz­po­li­ti­scher Spe­ku­la­tio­nen zieht. Exem­pla­risch ist dies z.B. für Leis­tun­gen der sozia­len Ver­si­che­rung (Ries­ter-Ren­te) oder die Pri­va­ti­sie­rung öffent­li­cher Leis­tun­gen (Post, Bahn, Was­ser, Strom etc.). Der­zeit braucht der Geld­markt­kom­plex noch die Illu­si­on funk­tio­nie­ren­der Staa­ten, um wei­te­re anste­hen­de Schrit­te zu unter­neh­men, die im Griff nach den Reich­tü­mern der Welt bestehen als da sind vor allem die Infra­struk­tur­ein­rich­tun­gen Euro­pas und die sozia­le, kul­tu­rel­le und infra­struk­tu­rel­le Aus­stat­tung der Län­der Euro­pas. Letz­te­re ist mit TTIP und TISA ein­ge­lei­tet.

Der beson­de­re Sta­tus die­ser Grup­pe besteht im Ergeb­nis dar­in, dass die Gleich­wer­tig­keit der Bezie­hun­gen zwi­schen Poli­tik und Finan­zo­lig­ar­chie nicht mehr besteht, weil die Finan­zo­lig­ar­chie Hebel in der Hand hält, mit dem sie an jeder Stel­le der west­li­chen Welt und in Afri­ka Kri­sen wirt­schaft­li­cher, sozia­ler und mili­tä­ri­scher Natur aus­lö­sen kann. Das bedeu­tet für die Poli­tik, die ein­mal in eine Kol­la­bo­ra­ti­on ein­ge­stie­gen ist, dass sie kei­nen Rück­tritt mehr hat. Sie ist bedin­gungs­los der Finan­zo­lig­ar­chie aus­ge­lie­fert. Wenn vom Geld­markt­kom­plex z.B. die Order gekom­men wäre, dass die deut­schen Gren­zen zu öff­nen sind, muss sofort und ohne Beach­tung recht­li­cher Schran­ken, im Sin­ne des Geld­markt­kom­ple­xes gehan­delt wer­den.

Somit hat sich die Poli­tik in die Denk- und Hand­lungs­mus­ter einer über­hol­ten Welt ein­ge­mau­ert. Um die­se über­hol­ten Struk­tu­ren zu sichern hat sie sich gleich­zei­tig in die Abhän­gig­keit des Geld­markt­kom­ple­xes bege­ben. Dar­in ist sie bedin­gungs­los gefan­gen. Sie ist ohne Alter­na­ti­ve. Sie löst kei­ne Pro­ble­me, son­dern sie ist das Pro­blem. Wir kön­nen gegen sie demons­trie­ren, kri­ti­sie­ren, ver­kla­gen – es ist alles ver­geb­lich. Die Poli­tik ist ein­ge­klemmt in die Beton­wän­de ihrer Macht und der Abhän­gig­keit von der Finan­zo­lig­ar­chie. Dies ist bei allen Reform­schrit­ten zu beden­ken. Ohne die Legi­ti­ma­ti­ons­grund­la­ge der Poli­tik in Fra­ge zu stel­len und sie durch eine Ver­fas­sung in der Hand des Vol­kes neu zu fun­die­ren, wird es kei­nen Aus­weg aus der Kri­se, geschwei­ge denn Refor­men für die Zukunft unse­res Lan­des und Euro­pas geben kön­nen.

Ein Fundament für Reformen in eine evolutionäre Bürgerdemokratie

Jede Reform­stra­te­gie muss die vor­ge­nann­ten poli­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen beach­ten. Um es zu wie­der­ho­len: Ein poli­ti­sches Sys­tem, das durch eine fun­da­men­ta­le Denk- und Hand­lungs­un­fä­hig­keit gekenn­zeich­net ist, bringt dies nicht nur in sei­nem Per­so­nal zum Aus­druck, son­dern auch durch sei­ne abso­lu­te Kri­ti­kun­emp­fäng­lich­keit. Demons­tra­tio­nen, Argu­men­te und Beschimp­fun­gen pral­len an die­sem Sys­tem ab. Ein Sys­tem, das sich zudem auf eine neue Form der Kol­la­bo­ra­ti­on ein­ge­las­sen hat, steckt also in der Klem­me sei­ner eige­nen Denk- und Hand­lungs­un­fä­hig­keit und der sich aus der Kol­la­bo­ra­ti­on erge­ben­den Abhän­gig­keit. Die Ent­fer­nung von der Ord­nung des Rechts und die Ver­nach­läs­si­gung oder gar Miss­ach­tung des all­ge­mei­nen Wohls, ist in die­sem Ver­hält­nis nicht zufäl­lig, son­dern sys­te­misch.

Ohne eine Neu­fun­die­rung der gesell­schaft­li­chen Grund­la­gen, also der Aus­gangs­ba­sis für das Ver­hält­nis zwi­schen Volk und Regie­rung kann kei­ne wirk­sa­me Reform erfol­gen.
Die­se Rah­mend­be­din­gun­gen sind maß­geb­lich für eine poli­ti­sche Stra­te­gie der Demo­kra­ti­sie­rung und Rechts­staat­lich­keit und vor allem der Schaf­fung einer sozi­al ange­mes­se­nen Zukunft für die euro­päi­schen Län­der. Betrach­ten wir die Auf­ga­ben die sich stel­len und fra­gen wir dann nach dem Schlüs­sel, um über­haupt in einen Reform­pro­zess ein­stei­gen zu kön­nen: Die­ser Schlüs­sel und damit die Grund­la­ge für Refor­men und einer Per­spek­ti­ve für unser Land besteht dar­in, die Macht des Vol­kes über die Ver­fas­sung her­zu­stel­len. Eine Ver­fas­sung vom Volk ersetzt kei­ne Reform, macht kei­ne der geleis­te­ten Reform­ar­bei­ten und Reform­dis­kus­sio­nen über­flüs­sig. Im Gegen­teil, auf der Basis Grund­la­ge einer Ver­fas­sung vom Volk haben die­se Arbei­ten und Pro­jek­te erst eine wirk­li­che Rea­li­sie­rungs­mög­lich­keit.

Die weiteren Aufgaben, die sich stellen

• Auf­räum­ar­bei­ten der poli­ti­schen Kol­la­te­ral­schä­den. In vie­len Berei­chen hat die Poli­tik — ver­ur­sacht durch Inter­es­sen­po­li­tik oder Hand­lungs­un­fä­hig­keit (Finanz­po­li­tik, Bil­dung, Wis­sen­schaf­ten, Infra­struk­tur,
Zuwan­de­rung) bestehen­des Recht defor­miert oder mate­ri­el­le Schä­den ange­rich­tet. Die zu besei­ti­gen schafft Raum für einen Neu­be­ginn.
• Der Wan­del schafft neue Her­aus­for­de­run­gen. Inso­fern erfor­dert die Zukunfts­fä­hig­keit unse­res Lan­des den Auf­bau neu­er Ord­nun­gen und Struk­tu­ren, die Neu­de­fi­ni­ti­on und Neu­ver­an­ke­rung der Staats­funk­tio­nen.
Die betrifft sowohl die Ord­nungs- und Sozi­al­funk­tio­nen wie auch Infra­struk­tur und Kul­tur.
• Die neue Welt ist durch Tech­ni­ken geprägt, die zu einer Wie­der­be­le­bung dezen­tra­ler Lösun­gen füh­ren wird. Sie erfor­dern zudem Selbst­be­stim­mung und Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on in den Regio­nen, die in vie­len
Berei­chen natio­nal­staat­li­che Rege­lun­gen ablö­sen wer­den. Zu schaf­fen sind des­halb regio­na­le Lösun­gen, Frei­räu­me der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on einer zukünf­ti­gen Bür­ger­ge­sell­schaft und ein Euro­pa der
Regio­nen.
• Die moder­nen Medi­en die­nen neben ihrer Infor­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­funk­ti­on auch dem Zusam­men­halt einer vor­wie­gend dezen­tral orga­ni­sier­ten Gemein­schaft. Freie öffent­li­che Räu­me der Infor­ma­ti­on,
Kom­mu­ni­ka­ti­on und Mei­nungs­bil­dung jen­seits poli­ti­scher Hörig­keit und poli­ti­schen oder pri­va­ten Miss­brauchs sind des­halb ein wich­ti­ger Teil von Reform­po­li­tik.
• Natür­lich brau­chen wir eine am Trans­ak­ti­ons­be­darf einer moder­nen Gesell­schaft ori­en­tier­te Geld- und Finanz­wirt­schaft, die kein Selbst­zweck ist, son­dern sich dem all­ge­mei­nen Wohl unter­zu­ord­nen hat.

Lang­fris­ti­ge Auf­ga­ben, die sich stel­len sind Fra­gen nach den spi­ri­tu­el­len und mora­li­schen Grund­la­gen einer moder­nen Gesell­schaft, die durch Geset­ze allein nicht zusam­men­ge­hal­ten wer­den kann. Dies schließt ein, dass wir uns jen­seits mani­pu­lier­ter Zukunfts­vor­stel­lun­gen ein Ver­ständ­nis der gegen­wär­ti­gen wie der zukünf­ti­gen Ent­wick­lung ver­schaf­fen.

Alle Fel­der machen gemein­sam den Weg aus, den wir von der Feu­dal­herr­schaft eines Ein­heits­par­tei­en­sys­tems in eine moder­ne Bür­ger­de­mo­kra­tie gehen müs­sen. Ob es in die­ser Bür­ger­de­mo­kra­tie Par­tei­en gibt, kann getrost offen blei­ben. Sicher ist, dass es dann Wir müs­sen den Par­tei­en neu­en Typs sein wer­den, für die Demo­kra­tie weder theo­re­tisch oder for­mal ist, son­dern die basis­de­mo­kra­tisch fest ver­an­kert sein müs­sen und in denen die Macht wie im Staa­te sich regel­mä­ßig basis­de­mo­kra­tisch legi­ti­mie­ren muss.

Der Schlüs­sel und somit der ers­te Schritt besteht dar­in, dass wir, dass das Volk die Legi­ti­ma­ti­ons- und Macht­fra­ge stellt. Damit ist die Fra­ge nach einer poli­ti­schen Stra­te­gie für eine Ver­fas­sung vom Volk gestellt. Auf die­se Fra­ge haben wir mit unse­rer Gemein­schafts­ak­ti­on Sou­ve­rä­ni­tät und evo­lu­tio­nä­re Bür­ger­de­mo­kra­tie eine ers­te prak­ti­ka­ble Ant­wort gege­ben, die wir jetzt umzu­set­zen begon­nen haben.